Industrie 4.0 ja, Digitalstrategie nein

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Industrie 4.0 ja, Digitalstrategie nein

Das offizielle Thema der Hannover Messe vom 1. bis 5. April 2018 war die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Die wahren Stars der Messe waren jedoch Plattformen, Software und Cloudservices. Allerdings: Auch wenn „der Groschen der Digitalisierung gefallen ist“, wie der IBM-Manager Matthias Dietel sagte – von flächendeckender Verbreitung einer konsequenten Digitalstrategie kann noch immer keine Rede sein. Eine Analyse.

Die Bundeskanzlerin und ein Roboter, die einander mit einer Ghettofaust begrüßen – dieses Foto hat das öffentliche Bild der diesjährigen Hannover Messe geprägt. Passend zum Thema der Messe „Connect & Collaborate“ waren überall Roboter zu sehen: ein Roboterarm, der mit Besuchern Tischtennis spielt. Ein Kicker, der von künstlicher Intelligenz gesteuert wird. Und natürlich Roboter, die Menschen schwere körperliche Arbeit abnehmen oder gemeinsam mit ihnen Produkte herstellen können.

Digitale Services im Mittelpunkt

Die wahren Stars der Messe jedoch waren nicht die Roboter, so eindrucksvoll – und fotogen – diese sein mögen. Ja, zahlreiche Aussteller zeigten Roboter. Doch oft nur,  weil diese optisch mehr hermachen als jede Software. Viele Unternehmen wollten eigentlich Plattformen, Software oder Cloudservices verkaufen: Die echten Stars der Hannover Messe waren digitale Services.

Zwar liegt der Schwerpunkt der deutschen Wirtschaft noch immer auf Produkten zum Anfassen. Das sei auf der Hannover Messe nach wie vor zu sehen, stellte auch Matthias Dietel fest, Manager Client Experience Center bei IBM. Aber die Frage, mit welchen digitalen Services die Unternehmen Mehrwert für ihre Kunden schaffen könnten, werde immer wichtiger, sagte der Industrie-4.0-Experte.

Dies zeige sich auch an den Messeständen. „Der Groschen der Digitalisierung ist bei vielen gefallen“, so Dietel im Rahmen einer Diskussion über künstliche Intelligenz und Machine Learning.

Zum Beispiel: Plattformen von Bosch, Q-Loud und AWS

  • Bosch will noch dieses Jahr einen Marktplatz für das Internet of Things eröffnen. Die Waren werden virtuell sein: Softwarelösungen für Unternehmen. Schon heute können Entwickler auf dem dazugehörigen Portal mit APIs an eigenen Lösungen arbeiten.
  • Das Kölner Unternehmen Q-Loud arbeitet mit Huawei (als Smartphone-Hersteller bekannt), und Telefonica an einer IoT-Plattform, die es unter anderem Unternehmenskunden ermöglichen soll, ihren Energiebedarf zu überwachen.
  • Auch der Cloudservice von Amazon, AWS, war auf der Messe vertreten und zeigte seinen digitalen Speicher-Service. Auf der IoT-Plattform von AWS können Industriekunden zum Beispiel ihre Roboter über die Cloud steuern.

Bitkom-Studie: Vernetzung ohne Strategie

Die Hannover Messe zeigt: viele Unternehmen haben den Plattformgedanken – wie von Facebook und Amazon vorgemacht – verstanden. Allerdings kann man noch nicht davon sprechen, dass deutsche Firmen flächendeckend eine konsequente Digitalstrategie entwickelt hätten. Das macht eine repräsentative Studie des Digitalverbands Bitkom klar, die zur Hannover Messe vorgestellt wurde.

Produktionsleiter, Vorstände und Geschäftsführer von 553 Industrieunternehmen ab 100 Mitarbeitern wurden dafür befragt. Auf den ersten Blick sehen die Umfrage-Ergebnisse gut aus: Jede vierte Maschine in der deutschen Industrie ist vernetzt, jedes zweite Unternehmen nutzt Industrie 4.0.

„In den vergangenen Jahren hat sich in Sachen Industrie 4.0 viel getan“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. Vernetzte Maschinen seien „in den Fabriken Realität“.

Nur 55 Prozent haben übergreifende Digitalstrategie

Die Verbreitung von Sensoren, Big Data und 3D-Drucker sind Ausdruck des digitalen Wandels in der Industrie. Ziele sind Optimierung von Fertigungsprozessen, Kostensenkung und Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit.

79 Prozent der untersuchten Firmen gehen bei der Verfolgung dieser Ziele strategisch vor. Doch viel weniger – nur 55 Prozent – haben eine Digitalstrategie für das gesamte Unternehmen, 42 Prozent nur für einzelne Bereiche.

Bitkom sieht darin kein aktuelles Problem. Sondern ein künftiges. Die alten Geschäftsmodelle der deutschen Wirtschaft würden in Zeiten der Hochkonjunktur noch ausreichen, sagte Berg. Jedoch warnt der Präsident des Branchenverbandes: „Um das volle Potenzial von Industrie 4.0 auszuschöpfen, müssen alle Bereiche konsequent digital aufgestellt werden.“

Neue Geschäftsmodelle brauchen Strategie – und Mitarbeiter

Nur mit einer konsequenten Digitalisierungsstrategie, die alle Unternehmensbereiche berührt, könnten die deutschen Unternehmen ihren Kunden datenbasierte „Smart Services“ anbieten, so Berg.

Anders formuliert: Datensammeln reicht nicht. Und der Einsatz von Kollaborationstools und Plattformen ist nötig und löblich – aber noch kein profitables Geschäft.

Dazu gehört mehr – neben einer übergreifenden Strategie auch eine hohe Attraktivität für Fachkräfte. Entgegen der landläufigen Annahme ist es der Bitkom-Studie zufolge besonders für große Unternehmen schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden – und zu halten. Jeder 5. Konzern (ab 500 Mitarbeitern) hat schon erlebt, dass ihm Fachkräfte abgeworben wurden.

Kein Wunder also, dass 53 Prozent der befragten Unternehmen ihre Mitarbeiter noch 2018 für die Industrie 4.0 fortbilden wollen.

Aktive Rolle in der Plattformökonomie – nur die Strategie fehlt

Immer mehr Firmen verstehen, dass sie auf der Stelle treten, wenn sie ihr Geld weiterhin allein mit Hardware verdienen wollen. Denn das Geschäft der Zukunft steckt in digitalen Services. Darum mögen die Roboter auf der Hannover Messe immer noch die Show bestimmt haben. Doch die Botschaft war eine andere: die deutsche Wirtschaft ist auf dem Sprung, eine aktive Rolle in der Plattformökonomie einzunehmen.

Nun braucht sie nur noch die richtigen Menschen und Strategien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2018-05-02T10:36:20+00:002. Mai 2018|Branchennews|0 Kommentare